Mutausbruch

Manchmal braucht es eben einen Mutausbruch. Zugegeben, mein Verhalten ist manchmal unüberlegt, dafür jedoch emotional absolut notwendig. So fragen mich immer wieder andere, wie ich so etwas Unkluges – beinahe Gefährliches – machen konnte. “Das war aber riskant. Nix für mich.” – aber für mich. Ich bin an einem Punkt in meinem Leben, an dem Glücklichsein Priorität hat und negative Gedanken keine Platz haben. Wie auch Dinge erleben und dieses Kribbeln im Bauch spüren, wenn man immer nur auf Nummer sicher geht?!

Vor allem, wenn ich alleine reise ‘riskiere’ ich oft etwas. Ich verlasse mich auf Menschen, die ich gerade mal ein paar Minuten kenne und begeben mich in Situationen, die für andere womöglich ‘gefährlich’ wirken würden. Doch wenn man sich auf das konzentriert, was alles gut, statt darauf was schief gehen könnte, fallen viele Entscheidungen einfacher.

Gerade als Frau hat man meist Bedenken Männern – vor allem in fremden Ländern – zu trauen. Zugegeben, das habe selbst ich von Zeit zu Zeit. Doch als ich im Sonnenschein den kleinen bunten Hafen von Procida entlang schlenderte und mich dieser am Ufer wartende Italiener ansprach, war ich komplett offen und unterhielt mich angeregt mit ihm.

Sein Englisch war nicht das Beste, aber wir verstanden einander. Sein Äußeres – für einen Italiener – ganz nett und charmant (was auch sonst). Er zeigte mir ein paar wunderschöne Fotospots, mit Blick auf den farbenfrohen Hafen, vor dem sich die Sonne neben den kleinen Fischerbooten spiegelte. Nach einer Weile fragte er mich, ob ich ihn mag. Ich war verwirrt von der Frage und wusste nicht recht, wie ich darauf reagieren sollte. Wir unterhielten uns gerade mal eine halbe Stunde, ich wusste seinen Namen, sein Alter, aber nichts wirklich Tiefgründiges. Wie sollte ich jetzt schon wissen, ob ich ihn mag? Gehört da nicht mehr dazu, als ein paar oberflächliche Sätze und das äußere Erscheinungsbild? Bin ich zu verbissen, zu kühl und von einer Mauer abgeschottet, die keine flüchtigen Gefühle zulässt? Ist etwas falsch mit mir, meine Offenheit anderen gegenüber nur oberflächlich?

Vielleicht. Ja, vielleicht ist es leicht mit mir ins Gespräch zu kommen, mit mir Abenteuer zu erleben, aber an meiner Mauer kommen nur wenige vorbei. Er versuchte es (typisch sturer Italiener halt) und lud mich auf eine kleine Bootstour ein. Einen kurzen Moment meldete sich mein Sicherheitsdetektor und fragte mich, ob es wirklich okay sei, mit einem fremden Mann aufs Meer hinaus zu fahren. Ich überlegte eine Sekunde, doch ohne Risiko keine gute Story, kein Abenteuer.

Wir stiegen also auf sein kleines blau-weißes Boot, ich durfte sogar lenken und war verzaubert von der Schönheit Procidas. Die rauhen Felsen, so gigantisch und grün, neben ihnen diese kleinen, fast zerbrechlich wirkenden bunten Häuser, übereinander gestapelt, wie Spielzeuge. Diese Bootsfahrt, dieses kleine Abenteuer hat sich mehr als gelohnt.

Der lebensfrohe Italiener wollte mich weder in eine abgelegene Höhle entführen, noch ausrauben, er wollte ganz einfach nur meine Zuneigung gewinnen. Etwas was ich ihm nicht geben konnte.

Erneut fragte er mich, ob ich ihn mag, oder ob ich ihn mögen könnte, wenn ich ihm die Chance gebe, mir einen unvergesslichen Abend zu schenken. Ich zuckte mit den Schultern. Gedankenkarusselle in meinem Kopf. Und ich wies ihn zurück.

Oberflächliche Abenteuer immer gerne, aber emotionale Abenteuer prallen ab, werden nicht in meine Nähe gelassen. Irgendwo ziehe auch ich eine Grenze, gehe keine Risiken ein und bleibe dann doch lieber für mich.

Mutausbrüche funktionieren bei mir eben nicht auf allen Ebenen.

Bookmark the permalink.

6 Comments

  1. Was für wunderschöne Reisebilder und eine spannende Story dazu, ich bin ganz begeistert!

  2. Echt schöne Bilder ♡
    Mit einem fremden in weiten Meer zu ziehen, hätte ich mich jetzt nicht gewagt. Es ist aber toll dass du ein tolles Erlebnis darüber hast und du darüber sprechen/schreiben kannst.
    Ich finde dein Schreibstil echt toll .

  3. Oh wow, wunderschöne Fotos.
    Ich bin auch eher für spontan und mutig sein im Leben, letztendlich bereuen wir nur das, was wir nicht getan haben.

    Liebe Grüsse

  4. Die schönsten Geschichte fangen mit Mut an. Ich hätte mich allerdings nicht auf die Bootstour eingelassen, da ich die schlechtesten Erfahrungen gemacht habe, die eine Frau alleine auf Reisen machen kann. Spätestens bei der Frage nach dem Mögen wären bei mir alle Alarmlampen angegangen und ich hätte mich aus dem Staub gemacht. Außerdem habe ich einen Freund – also no chance. Aber dennoch eine tolle Geschichte und ja, manchmal muss man über seinen Schatten springen, wenn man etwas Neues/Tolles erleben will. Aber man sollte immer auch auf das eigene Bauchgefühl hören und die goldene Mitte finden.

    Liebe Grüße
    Dahi Tamara von strangeness-and-charms.com

  5. Michelle Hoffmann

    Nur mit Mut kann man auch Dinge erreichen, erleben…
    Ich finde es super, was du machst.
    Die Bilder sehen toll aus.
    Liebe Grüße Michelle von mishy-hoffmann

  6. Eine sehr schöne Geschichte! Ich bewundere deinen Mut. Manchmal zahlt sich Mut eben aus. So kann man von tollen Erlebnissen und Abenteuern berichten. Ein sehr schöner Post!
    Liebe Grüße
    Larissa

Kommentar verfassen